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Rechtsanwältin und Mediatorin Wencke Kuhs

Lohnen sich Geschäfte mit Brasilien wieder?

Brasilien gehört zu den bedeutendsten Wirtschaftsstandorten der Welt. Als
wichtigster Handelspartner Deutschlands auf dem lateinamerikanischen Kontinent ist es für viele deutsche Unternehmen das Einstiegsland für Investitionen in Südamerika. Ausländische Investoren haben in letzter Zeit jedoch aufgrund der schwachen Konjunktur und der Währungsschwäche des Real hohe Einbußen bei Geschäften mit Brasilien hinnehmen müssen. Nach einer Rezession, bedingt durch den Konjunktureinbruch bei den wichtigsten Handelspartnern des Landes sowie die internationale Situation, befindet sich Brasiliens Wirtschaft nun wieder im Aufschwung. Die wirtschaftliche Lage hat sich nach der Amtsübernahme von Präsident Lula da Silvo im Jahr 2002 erneut stabilisiert und der Industriesektor zeigt eine deutliche Wachstumstendenz.
Internationale Analysten rechnen dieses Jahr mit einem Wirtschaftswachstum
von 3%. Doch wie sicher und lohnenswert sind Geschäfte mit Brasilien im Augenblick tatsächlich?

Inhalt

  • Über das Land
  • Die momentane Regierung
  • Beziehungen zum Rest der Welt
  • Brasiliens Wirtschaft
  • Strukturen
  • Der Umbruch
  • Geschäfts- und Investitionsmöglichkeiten
  • Brasilien aktuell
  • Ausblick

Über das Land

Brasilien ist ein Land der Größen und Gegensätze: Sein Staatsgebiet nimmt mit 47% rund die Hälfte des gesamten südamerikanischen Kontinents ein. Als fünftgrößtes Land der Erde besitzt es einen aufnahmefähigen Binnenmarkt und ist mit 170 Mio. Konsumenten der größte Markt Lateinamerikas. Es ist reich an Bodenschätzen und Wasserkraft, und gilt auch aufgrund seiner Agrarwirtschaft als das bedeutendste lateinamerikanische Land. Auf dem südamerikanischen Kontinent nimmt es eine natürliche Führungsund Vermittlungsrolle ein.

Brasilien gehört zu den am stärksten industrialisierten Ländern der Region, ist aber selbst von großen Unterschieden geprägt: Im Süden des Landes ist der wirtschaftliche Fortschritt deutlich zu sehen, wo vergleichsweise moderne Wirtschaftsstrukturen vorhanden sind. Der Norden hingegen ist weiterhin rückständig und die Armut stärker ausgeprägt.

Die Gesellschaft ist durch Einwanderungsströme aus den verschiedensten
Ländern geprägt. Die europäischen Einwanderer und die afrikanischen Sklaven haben sich untereinander und mit der indianischen Bevölkerung gemischt. Trotz der regionalen, ethnischen und religiösen Unterschiede ist das Land europäisch
geprägt. Auch im gesellschaftlichen Bereich herrschen starke Gegensätze, da Armut und Reichtum dicht nebeneinander liegen. Typische Kennzeichen davon sind Kriminalität und Bandenwesen, Drogen, Hunger und Bettelei. Rund 18% der Brasilianer leben am Rande oder unterhalb des Existenzminimums.


Brasilien hat jedoch begonnen, sich von seinen alten Strukturen zu lösen.
Insbesondere durch die jüngere Generation ist eine Modernisierung des Landes in fast allen Bereichen spürbar. Es wird bereits von einem neuen Gesicht Brasiliens gesprochen, das heute auch ein neues Südamerika präsentiert.

Die momentane Regierung

Cardosos Nachfolger im Präsidentenamt ist seit 2002 Luiz Inácio Lula da Silva. Er führt eine marktorthodoxe Wirtschaftspolitik, wobei er die gleichen makroökonomischen Prinzipien vertritt wie sein Vorgänger. Lula gehört der Arbeiterpartei an und ist ein Mann aus dem Volk. Er sah sich von Anfang an hohen Erwartungen der Bevölkerung ausgesetzt, die auf eine Verbesserung der sozialen Situation hofft. Zwar ist der Glanz des neuen Präsidenten noch nicht verschwunden, da er noch immer über eine Unterstützung in der Bevölkerung von über 50% verfügt. Die Gangart ist jedoch sichtlich härter geworden.

Aufgrund der negativen Leistungsbilanz verfolgte Lula nach der Amtsübernahme zunächst eine strenge Sparpolitik, um eine Sanierung der Wirtschaft und des Staatshaushalts zu erreichen. Durch diese Maßnahmen ist die Inflationsrate von 12,53% im Vorjahr auf 9,3% im Jahr 2003 gesunken. Damit lag sie zwar noch immer über der angestrebten Höchstgrenze von 8,5%, ermöglichte aber immerhin, dass das Zinsniveau im zweiten Halbjahr 2003 gesenkt werden konnte. Um eine Fortsetzung des Wirtschaftswachstums zu gewährleisten, halten Experten weitere Reformen für notwendig. Für 2004 wird mit einer deutlich niedrigeren Inflationsrate von 6% gerechnet.

Ein aktuelles Stimmungsbarometer der Politik Lulas werden die Kommunalwahlen im Oktober diesen Jahres werden.

Beziehungen zum Rest der Welt

Brasilien hat sich von der handelspolitischen Isolation der siebziger und achtziger Jahre und der Konzentration auf den eigenen Markt abgekehrt. Es ist in allen wichtigen
internationalen und regionalen Wirtschaftsorganisationen vertreten, wie u.a. WTO, IWF, Weltbank und natürlich dem Mercosur. Die Freihandelszone Mercosur ist 1995 von Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay gegründet worden. 1996 wurden Chile und 1997 Bolivien assoziierte Mitglieder dieses Bündnisses. Die Zusammenarbeit mit den anderen Mercosur-Staaten ist für die Regierung von Lula da Silva ebenso wie für seinen Vorgänger Cardoso von großer Bedeutung. Aufgrund der momentanen wirtschaftlichen Situation in Argentinien findet jedoch zurzeit keine weitere Integration und Festigung innerhalb des Mercosur statt.

Brasilien tritt heute für freien Welthandel ein und versucht im Verhältnis mit den USA ein Gegengewicht zur nordamerikanischen Dominanz auf dem Kontinent darzustellen. Das Verhältnis zu den USA ist durch eine enge handelspolitische Zusammenarbeit, zugleich aber ebenso durch Kritik und Distanz gekennzeichnet. Brasilien steht auch der Bildung der gesamtamerikanischen Freihandelszone FTAA, die von Alaska bis Feuerland reichen und bereits im Jahr 2005 in Kraft treten soll (s. Beitrag der Autorin, AW-Prax Juni 2004), zurückhaltend gegenüber.

Strukturen

Brasilien ist ein marktwirtschaftlich orientiertes Schwellenland. Der Anteil der Industriewaren und Dienstleistungen wächst ständig. Die wichtigsten Industriesektoren sind Petrochemie, Stahl, Aluminiumgewinnung, Zement und Düngemittel. Daneben spielen aber auch der Kraftfahrzeugbau, Elektround Elektronikindustrie, Maschinenbau, Chemie sowie die Textil- und Lederindustrie eine wichtige Rolle. Der Bergbau hat einen Anteil von 1% am BIP. Brasilien ist weltweit der größte Exporteur von Eisenerz.

Ein weiterer wichtiger Bereich ist die Agrarindustrie, die unter Einberechnung der agrarnahen Zweige ca. 1/3 des Bruttoinandprodukts ausmacht. Etwa 30 Mio. Brasilianer, also gut ein Viertel der Erwerbsbevölkerung, sind direkt oder indirekt von der Landwirtschaft abhängig. Brasilien steht zwischenzeitlich mitder Produktion und dem Export von vielen Agrarprodukten auf Platz 1 weltweit: Mit inzwischen ca. 40 Mio. ha Anbaufläche und bis zu drei Ernten pro Jahr ist Brasilien z.B. der weltgrößte Produzent von Zuckerrohr, Orangen und Kaffeeund der zweitgrößte Hersteller von Sojabohnen, Mais, Rindfleisch und Geflügel. Die wichtigsten Agrarexportgüter sind Kaffee, Kakao, Soja, Orangensaftkonzentrat, Hühnerfleisch und Tabak.

Der Umbruch

In den 90er Jahren vollzog Brasilien einen radikalen Wandel in der Wirtschaftspolitik. Zunächst liberalisierte die Regierung des damaligen Präsidenten Collor de Mello (1990–92) den Außenhandel, senkte die hohen Importzölle und erleichterteden Devisenverkehr. 1994 leitete dann Präsident Cardoso, der bis2002 im Amt war, mit dem Programm „Plano Real“ eine auf Stabilität und Inflationsbekämpfung ausgerichtete Wirtschafts- und Finanzpolitikein, die der entscheidende Schritt für ein beachtliches Wirtschaftswachstumwar. Im Zeitraum 1994–1997 verzeichnete Brasilien ein ununterbrochenes Wachstum von durchschnittlich 4,2%.

1998 zeichnete sich eine Rezession,ausgelöst durch die Finanzkrisen in Asien und Russland, ab. Diese wurde jedoch mit drastischen Maßnahmen der brasilianischen Zentralbank und der Regierung des Landes bekämpft, so dass ein nachhaltiges Übergreifen der Krise verhindert werden konnte. Die direkten Auswirkungen waren wenigergravierend als befürchtet und derIWF rechnete zu diesem Zeitpunkt weiterhin mit einem steigenden Wirtschaftswachstum.

Cardoso leitete während seiner Amtszeit weiterhin eine Reihe von Reformen zur Haushaltskonsolidierung sowie einen Privatisierungsprozess ein, wodurch das Land in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht hat. Durch den Privatisierungsprozess wurden Erlöse von über 100 Mrd. US-$ erzielt. In erheblichem Maße haben sich daran auch ausländische Unternehmen beteiligt. 1998 flossen ca. 24 Mrd. US-$ an ausländischen Direktinvestitionen in das Land, was einen historischen Rekord bedeutete. Weltweit lag Brasilien damit unter den Empfängern ausländischer Direktinvestitionen an dritter Stelle hinter den USA und China.

Des Weiteren konnte 1994 mit der Einführung des Real als neuer Währung die Inflationsrate von über 1000% auf einstellige Werte in den Jahren 2000 und 2001 gesenkt werden. Nach steigenden Defiziten derLeistungsbilanz musste die brasilianische Zen tralbank 1999 den Wechselkurs des Real, der bis dahin an den US-Dollar gebunden war, freigeben, was zu einer starken Abwertung führte. Seither verfolgt Brasilien eine Politik freier Wechselkurse, die sich an Inflationszielen orientiert. Die Verschärfung der Wirtschaftskrise in Argentinien sowie die Unsicherheit hinsichtlich der Fortsetzung der Wirtschaftspolitik aufgrund der Präsidentschaftswahlen in Brasilien führten 2002 zu einer erneuten Abwertung des Real um 50% und zu einem Anstieg der Inflationsrate auf 12,5%. Für den privaten Sektor bedeutete dies insbesondere eine Erschwerung der Refinanzierung von Auslandsverbindlichkeiten. Zur Stabilisierung der Lage hat der InternationaleWährungsfond 2002 dem Land einen Beistandskredit von 30 Mrd.US-$ gewährt, um das Land über Wasser zu halten.

Brasiliens größte Schwachstelle ist das chronisch hohe Haushaltsdefizit und die wachsende öffentliche Verschuldung. Belastend auf die öffentlichen Finanzen sind die hohen Zinszahlungsverpflichtungen. Im Januar 1999 kletterte die Nettostaatsverschuldung auf 484,2 Mrd. Real, was mit 53% im Verhältnis zum BIP einen Rekord darstellte. Eine zusätzliche Erschwernis ist, daß ein großer Anteil davon – etwa 20% – in US-Dollar bezahlt werden muss.

Geschäfts- und Investitionsmöglichkeiten

Die wichtigsten Handelspartner des Landes für Importgüter sind die USA, Argentinien, Deutschland sowie an vierter Stelle Japan. Haupteinfuhrgüter sind Kfz-Teile, Chemikalien, elektronische Bauelemente, Maschinen und Anlagen sowie Erdöl. Die Importe aus Deutschland sind 2001 von 5,1 Mrd. US-$ auf 4,6 Mrd. US-$ im Jahr 2003 leicht gesunken. Aufgrund des Anziehens der Konjunktur wird dieses Jahr jedoch mit einem zweistelligen Wachstum der Importe nach Brasilien gerechnet. Insbesondere wird eine verstärkte Nachfrage im Bereich Maschinenbau erwartet, da zahlreiche Investitionsprojekte im brasilianischen Bergbau anstehen. Weiterhin sind nach Angaben des DIHK deutsche Produkte im Bereich der Präzisionswerkzeuge sowie der Hand- und Schneidewerkzeuge stark gefragt. Ebenso zieht die Leuchtenindustrie seit 2003 weiter an. Auch die Biotechnologie wächst in Brasilien mit z.Zt. zweistelligen Steigerungsraten von durchschnittlich 15% pro Jahr: Die besten Absatzchancen für deutsche Produkte werden dabei in den Bereichen Landwirtschaft, Pharma, Kosmetik und Umweltschutz gesehen. Hier insbesondere für Laborausrüstung, Testverfahren für Nahrungsmittel- und Rohstoffqualität, Bioindikatoren für Umweltverschmutzung, Instrumente für die medizinische Forschung sowie Prüfverfahren zur Krankheitsfrüherkennung.

Um die Wirtschaft weiter anzukurbeln, hat die Regierung von Lula da Silva zusätzlich eine spezielle Förderung der Infrastruktur, des Exports sowie von Projekten der öffentlich- privaten Partnerschaft initiiert. Entwickelt wurden spezielle Programme insbesondere im Verkehrsbereich, bei der Energieerzeugung,im Wohnungsbau, bei der Wasserversorgung und im Agrobusiness. Darüber hinaus gibt es Investitionsanreize in den nationalen Freihandelszonen Brasiliens sowie spezielle Förderprogramme der einzelnen Bundesstaaten.Zu den neuen Hoffnungsträgern der brasilianischen Wirtschaft zählt derAußenwirtschaftsbereich: Zwar wird der Anteil des Außenhandelsnoch immer als zu gering betrachtet, doch haben die jüngsten Entwicklungen die Erwartungen übertroffen. Zwischen 2001 und 2003 sind die brasilianischen Exporte z.B. nach Deutschland von 3,7 Mrd. US- $ auf 4,4 Mrd. US-$ gestiegen. Die brasilianische Regierung ist sehr darum bemüht, den Außenhandel weiterzu steigern. Die wichtigsten Ausfuhrgüter Brasiliens sind Erze, Flugzeuge, Stahlerzeugnisse, Agrarprodukte, Nahrungsmittel, Kfz und Maschinen sowie elektrotechnische Produkte. Die Agrarexporte machen in Brasilien etwa 40% der Gesamtausfuhren des Landes aus.

Brasilien aktuell

Brasiliens Wirtschaft bietet zurzeit ein paradoxes Bild: Die Erwartungen des IWF haben sich nicht in dem genannten Maße bestätigt. Bedingt durch die Krise in Argentinien und die international schwierige Lage hat 2003 die Wirtschaftstätigkeit in Brasilien erstmals seit 1992 wieder abgenommen. Die Arbeitslosenquote stieg leicht anund auch die Inflationsrate hat sich  von 8,4% im Jahr 2002 auf 14,8% imletzten Jahr erhöht. Überraschenderweise reagierten jedoch die internationalen Kapitalmärkte positiv auf die letzte Wirtschaftsentwicklung in Brasilien. Alseinen Grund dafür wird das Festhalten an der strengen Haushaltspolitik gesehen. Daneben spielen aber auch strukturelle Verbesserungen im außenwirtschaftsbereich eine Rolle sowie der Umstand, daß trotz der schwachen Konjunktur der Primärüberschuss (konsolidierter Haushaltssaldo ohne Zinszahlungen) von 3,7% auf 4,3% erhöht werden konnte. Internationale Rating- Agenturen bewerten die Perspektiven des Landes positiv. AusländischeInvestoren sind massiv an die Börse zurückgekehrt, was als Zeichen für ein erneutes Vertrauen in die brasilianische Wirtschaft verstanden wird. Im Dezember 2003 hat der IWF eine Verlängerung des Beistandsabkommens mit Brasilien um 15 Monate genehmigt. Zusätzlich wurde der Unterstützungskreditdes IWF um weitere 6,6 Mrd. US-$ aufgestockt, so daß Brasilienim laufenden Jahr IWF-Gelder in Höhe von fast 15 Mrd. US-$ zur Verfügung stehen.

Ausblick

Für 2004 sind die Aussichten daher durchaus positiv:
Das Land bietet zahlreiche Geschäftsmöglichkeiten. Erwartet wird ein Wirtschaftswachstum von 3% sowie ein Bruttoinlandsprodukt von 3,5%. Des Weiteren ist eine deutlich verringerte Inflationsrate von 6,0% prognostiziert. Brasilien kommt seinen internationalen Zahlungsverpflichtungen nach und hält die zusammen mit dem IWF ausgearbeiteten Haushaltsvorgaben ein.

Bei der Vorbereitung bzw. Durchführung von Investitionen sollte jedoch auch berücksichtigt werden, daß eine Verringerung des investitionsfeindlichen Realzinsniveaus bislang noch nicht in Sicht ist. Aufgrund der momentanen Situation am Finanzmarkt werden Geschäfte mit Brasilien teilweise noch als unsicher bewertet. Das Land wird insbesondere wegen seiner hohen Verschuldung noch in Risikoklasse 6 bei den Hermesdeckungen eingestuft. Des Weiteren hat es bis heute noch nicht das Abkommen zum Schutz und zur Förderung von Investitionen aus dem Jahr 1995 ratifiziert.

Vorherige Information und entsprechende Vorbereitung ist beim Brasiliengeschäftalso zu empfehlen.

Wenn Sie Fragen haben, steht Ihnen Frau Rechtsanwältin Wencke Kuhs gern zur Verfügung Kontakt

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